Würdigung eines bedeutenden Religionsphilosophen aus Coswig (Anhalt)
Die Cohen-Gesellschaft Coswig (Anhalt) und die Stiftung LEUCOREA führten am 22. und 23. Juni im
LEUCOREA-Tagungszentrum in Wittenberg eine öffentliche Konferenz durch, die sich mit dem Denken des in Coswig geborenen Philosophen Hermann Cohen (1842-1918) zum Verhältnis von Wissen und Glauben aus heutiger Sicht beschäftigte.
Der Vorsitzende der Cohen-Gesellschaft Coswig (Anhalt), Hans-Jörg Willer, und Karl Tetzlaff, Geschäftsführer der Stiftung LEUCOREA, konnten als Organisationsleiter und Moderatoren der gut besuchten Konferenz ein sehr positives Resümee ziehen. Wurden doch nicht nur die Vorträge den Erwartungen mehr als gerecht. Auch die konstruktiven Diskussionsbeiträge des Auditoriums zeigten die hohe Aktualität der Religionsphilosophie Hermann Cohens gerade unter dem Aspekt des interreligiösen Dialogs. Sowohl die Referenten als auch das Publikum kamen aus dem In- und Ausland.
Inessa Myslitska, Vorsitzende des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden, und Wolfgang Schneiß,
Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt und gegen Antisemitismus, betonten in ihren Grußworten die Bedeutung der Erinnerung an den jüdisch-deutschen Philosophen Hermann Cohen als wichtigen Beitrag zum Projekt „Jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt“. Die Veranstaltung wurde durch die Staatskanzlei und das Ministerium für Kultur sowie den Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt gefördert.
Sie stand unter der Überschrift „Die Verächter der Wissenschaft sind die schlimmsten Feinde der Religion.“. Dieses Zitat Cohens stammt aus dem Jahre 1915. Damit wandte er sich vehement gegen die – von ihm sogenannten – „Prediger der Intuition“, die meinen, Gott ohne Einbeziehung der Vernunft erkennen zu können.
Die Konferenz wurde mit einem Vortrag des Philosophen und ausgewiesenen Cohen-Kenners Hartwig Wiedebach aus Göppingen über die Bedeutung von Leidenschaft und Wahrheit in der Persönlichkeit Cohens begonnen. Referate zum jüdischen Leben in Coswig und seiner Umgebung, zur Familie Hermann Cohens und zu seinen Gedanken über die Feindesliebe rundeten das Bild des Philosophen ab.
Mit seinem Vortrag zu der Frage „Was einigt die Konfessionen?“ im Kontext Cohen´schen Denkens bot der
Philosoph Asher D. Biemann (University of Virginia, USA) die Grundlage für das anschließende
Podiumsgespräch. Gemeinsam mit ihm nahmen daran Rimma Fil, Geschäftsführerin des Landesverbandes
Jüdischer Gemeinden, Reiner Haseloff, Ministerpräsident a. D., und Albrecht Lindemann, Pfarrer der
Evangelischen Landeskirche Anhalts, teil. In dem Gespräch ging es schwerpunktmäßig darum, was man von Cohen mit Blick auf die Herausforderungen für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt lernen könne und wie Politik und christliche Kirchen dabei unterstützen können. Die darauffolgende Diskussion mit dem Auditorium zeigte das große Interesse an der Thematik.
Am zweiten Tag ging es um die Religionsphilosophie Hermann Cohens im Kontext aktueller gesellschaftlicher
Debatten. Zu Beginn referierte Jörg Dierken, Vorsitzender der Stiftung LEUCOREA, über Ort und Logik der
Religion bei Immanuel Kant. Darauf aufbauend folgten Vorträge namhafter Theologen und Philosophen von den
Universitäten Greifswald, Tübingen, Parma (Italien) und Leipzig. Sie beinhalteten zeitgemäße Betrachtungen Hermann Cohens über er das radikal Gute im Verhältnis zum radikal Bösen bei Kant, über die Rolle des Staates in der Aufrechterhaltung von Recht und Gerechtigkeit sowie Ansätze eines „philosophischen Radikalismus“ bei ihm und die Wertung seiner Religionsphilosophie aus der Perspektive des protestantischen Neukantianismus.
In ihren Schlussworten hoben Karl Tetzlaff und Hans-Jörg Willer angesichts des Erfolges der Konferenz hervor, die begonnene Kooperation zwischen der Stiftung LEUCOREA und der Cohen-Gesellschaft Coswig (Anhalt) fortsetzen zu wollen.
Die Konferenz war weit mehr als eine wissenschaftliche Veranstaltung. Sie setzte ein wichtiges kulturelles Zeichen: für die Wertschätzung jüdischer Geschichte, für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens und für ein gemeinsames Engagement gegen Antisemitismus.
Im Rahmen des Projekts Jüdische Kultur Sachsen‑Anhalt stärkte sie das Bewusstsein dafür, wie bedeutend Hermann Cohens Werk für die Gegenwart ist – als Brücke zwischen Tradition, Philosophie und gesellschaftlicher Verantwortung.


